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Kork: Alternativen sind nicht mehr tabu
Kork: Alternativen sind nicht mehr tabu
Über viele Jahrhunderte hinweg galt Kork als der einzig denkbare Verschluss für Wein. Für viele Weinfreunde ist er nach wie vor ein wesentlicher Inbegriff der Weinkultur. Wäre da nur nicht das Problem mit dem Korkgeschmack: Nicht zuletzt deshalb hat der Kork als traditioneller Verschluss eine immer größer werdende Konkurrenz bekommen - und deutlich an Boden verloren.
Schon im 5. Jahrhundert v. Chr. sollen die alten Griechen ihre Amphoren mit elastischen Korken verschlossen haben. 2.000 Jahre später machte sich Pierre Pérignon (1639 - 1715) dieses Wissen zu Nutze und ersetzte den Holzstopfen bei Schaumweinen durch Korken, um den Druck der Kohlensäure, die während der zweiten Gärung in der Flasche entsteht, nicht entweichen zu lassen. Berühmte Weine wie die namhaftesten Bordeaux, Portwein, Constantia und Commandaria waren im späten 17. Jahrhundert die ersten in Flaschen - statt Fässern - verkauften und durchgängig verkorkten Weine. Durchgesetzt hat sich diese Variante des Weinverkaufs und -verschlusses aber erst im 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung die Herstellung von Flaschen günstiger machte und den Bedarf an Korken drastisch steigen ließ.
Weltmarktführer Portugal
Kork ist ein Naturprodukt und wird aus der Rinde der Korkeiche hergestellt. Heute wird die Korkeiche in Algerien, Frankreich, Italien, Marokko, Portugal, Spanien und Tunesien angebaut. Die europäische Korkindustrie produziert etwa 340.000 Tonnen Kork im Wert von rund 1,5 Milliarden Euro. Weltweit führend in der Korkherstellung ist Portugal, das 31 Prozent der Korkeichenbestände besitzt. 51 Prozent der Weltproduktion (190.000 Tonnen) werden hier hergestellt.
Zur Produktion erstklassiger Flaschenkorken ist die Korkeiche allerdings zunächst nicht zu gebrauchen: Der männliche Kork, den der Baum in den ersten Jahren bildet, kann nicht zur Korkenherstellung verwendet werden. Er wird vorsichtig abgeschält. Ab dem 20. bis etwa 150. Jahr wird der weibliche Kork etwa alle zehn bis 12 Jahre vom Stamm geschält, denn dann erst hat er die Stärke und Qualität, um den teuren Flaschenkork herzustellen. Eine kurzfristige Ausweitung der Produktion ist also unmöglich. Und das könnte eines der Probleme sein, die der Naturkorken inzwischen aufweist. Denn wird der Schäl-Rhythmus nicht berücksichtigt und die Bäume zu oft entrindet, dann leidet die Qualität.
Unverwechselbares "Plop"
Nach wie vor bevorzugen viele Weintrinker den Naturkorken als Verschluss für Wein und Sekt. Auch das unverwechselbare "Plop" beim Entkorken der Weinflasche gehört für viele einfach zum stilvollen Ritual dazu - wäre da nicht das Problem mit dem Korkgeschmack, der mittlerweile bei etwa fünf bis zehn Prozent der Korken auftritt und jedes Jahr für große wirtschaftliche Schäden sorgt. Hervorgerufen wird der Korkgeschmack durch Mikroorganismen, die nach dem Schälen der Korkeichen während der Lagerung der Korkplatten in die Poren eindringen können. Dort produzieren sie Substanzen, wie beispielsweise Trichloranisol (TCA), die bei der anschließenden Sterilisation der Korken geschmacksintensiv werden können. Nach Angaben der portugiesischen Korkindustrie wurden in den vergangenen zehn Jahren mehr als 400 Millionen Euro in neueste technische Entwicklungen und Qualitätsmanagement investiert, um dem Korkgeschmack zu begegnen. Noch vor wenigen Jahren war Kork das braune Gold des Landes und wurde den Firmen fast aus den Händen gerissen - nun bangt die portugiesische Kork-Industrie um ihre Existenz.
Die Alternativen: Kunststoff, Metall, Glas
Denn die Welt des Korkens geriet vor einigen Jahren ins Wanken, die Diskussion über das Für und Wider des Naturkorkens begann. Um dem Korkgeschmack zu begegnen, haben viele Winzer Alternativen aus Kunststoff ins Angebot genommen. Kunststoff ist zudem eine sehr preisgünstige Alternative. Flaschen mit Kunststoffstopfen haben außerdem den Vorteil, dass sie stehend oder liegend gelagert werden können, ohne die Qualität des Weines zu beeinflussen. Eine Reifung des Weines ist nicht möglich. Sind die Flaschen mit Naturkork verschlossen, können die Weine zwar weiter reifen und atmen, dürfen jedoch nur liegend gelagert werden, um die Oxidation durch Sauerstoffzufuhr und das Auslaufen des Weines durch den dann ausgetrockneten Korken zu verhindern.
Eine weitere Alternative sind Schraubverschlüsse, dank derer die Flaschen problemlos wiederverschließbar sind und die Weine so länger frisch bleiben. Von den rund 17 Milliarden Weinflaschen, die im Jahr 2008 weltweit produziert wurden, sollen etwa 2,5 Milliarden mit Schraubverschluss verkauft worden sein. Aber der Schraubverschluss hat noch ein vergleichsweise schlechtes Image, da er lange Zeit vornehmlich für einfache Qualitäten eingesetzt wurde. International forcieren vor allem Australien und Neuseeland den Schraubverschluss. Mittlerweile schreiben sogar einige Handelsketten ihren Lieferanten die Verwendung von Schraubverschlüssen oder anderen Verschlussalternativen vor, um der Korkgeschmack-Problematik zu entgehen.
2004 führte das Unternehmen Alcoa einen neuen Glasverschluss, den "Vino-Lok", ein: Ein Glasstopfen, der mit einem Ring aus Elvax für Dichtigkeit und sicheren Halt sorgt und ebenfalls wiederverschließbar ist. Die Produktion ist von zwei Millionen im ersten Jahr auf über 20 Millionen Stück im Jahr 2008 gewachsen. Er stößt auf große Akzeptanz beim Verbraucher und wird im Basissegment genauso wie im höheren und gehobenen Segment genutzt.
WWF warnt
Der World Wide Fund (WWF) und andere Umweltschutzorganisationen warnen vor einem Kollaps des Ökosystems Korkeichenwald. Vor allem weite Teile Portugals gelten als in höchstem Maße gefährdet, wenn der Markt verstärkt auf Alternativen zurückgreift. Kritiker entgegnen, dass ein vollständiges Verschwinden der Korknachfrage nicht zu erwarten sei, zumal es beispielsweise als Wand- oder Fußbodenmaterial weitere Verwendungen gebe. Nichtsdestotrotz: Die Weinszene experimentiert intensiv mit Alternativen, und das einstige Tabu ist keines mehr. Und die über Jahrhunderte hinweg dominant gewesene Position des Korks scheint endgültig gebrochen zu sein.

