„GUTES GEWISSEN TO GO – DIE NATUR IST FÜR DIE VERPACKUNGSINDUSTRIE EIN INSPIRIERENDES VORBILD“

Foto: Robert Czichos

INTERVIEW MIT ROBERT CZICHOS

Robert Czichos gründete 2009 die Bionatic GmbH & Co. KG als Anbieter von ökologischen Verpackungen für Gastronomen, Food-Service-Anbieter und private Haushalte. Unter GREENBOX (http://www.biologischverpacken.de/) bietet das Unternehmen, das er gemeinsam mit seinem Partner Michael Brink führt, 450 verschiedene nachhaltige Verpackungslösungen für den Großhandel und unter kauf dich grün (http://www.kaufdichgruen.de/) Bio-Einweggeschirr und Bio-Haushaltsprodukte für Privathaushalte an.

Damit reagierte das Unternehmen auf die steigende Nachfrage nach ökologischen Verpackungen. Das Sortiment beider Shops umfasst nach dem Motto „Gutes Gewissen to go“ Produkte aus biobasierten Kunststoffen, Fasern aus Abfall- und Reststoffen, Karton und Papier, recyceltem Kunststoff sowie Holz und Bambus.

Herr Czichos, Flexibilität wird in unserer Gesellschaft zunehmend wichtiger. Immer öfter essen wir genau dann, wenn wir gerade Zeit und Appetit haben. Was für Verbraucher unheimlich bequem ist, stellt die Verpackungsindustrie vor ganz neue Herausforderungen. Was müssen Lebensmittelverpackungen leisten, um den to-go-Trend mitzumachen?

Zunächst müssen die Verpackungen ihren Zweck erfüllen: Sie müssen die Lebensmittel vor Verunreinigung schützen sowie Qualität und Frische der verpackten Produkte bewahren. Dann müssen sie praktikabel sein und dürfen zum Beispiel während des Transportes nicht aufgehen. Zuletzt müssen sie bezahlbar sein und, je nach Qualität und Preisstellung, die Wertigkeit des Produktes unterstützen.

Stichwort Street-Food: Der Trend „High Quality Food“ nimmt auch in der to-go-Branche zu. Gehören zu diesen hochwertigen Lebensmitteln gleichzeitig immer hochwertige Verpackungen?

Zahlreiche erfolgreiche Quality Food Start-ups zeigen, dass gute Lebensmittel und Speisen derzeit besonders gefragt sind. Und in einer dekorativen, stabilen Verpackung sieht ein hochwertiger, frischer Salat eben besonders ansprechend aus. Eine Verpackung, die die Idee des Produktes, dessen Qualität oder das damit verbundene Lebensgefühl transportiert, rundet also den Gesamteindruck ab.

Seit wann beobachten Sie in der Lebensmittelbranche einen Anstieg der Nachfrage nach ökologischen to-go-Verpackungen?

Bioverpackungen haben ihre Nische, die durch die steigende Zahl von alternativen Food-Service-Neugründungen in den vergangenen Jahren größer geworden ist. Diese innovativen Gründer möchten sich mit ihren Angeboten unterscheiden. Mit Bioverpackungen geben sie ihrem Angebot rund um Wildkräuter-Salate und Veggie-Burger den letzten Schliff.

WER WÜNSCHT SICH BIO-VERPACKUNGEN?

  • Food-Service-Markt bei kleineren Einheiten
  • Lebensmittel-Einzelhandel mit Blick auf Barriere-Eigenschaften, Lagerfähigkeit, Kühleignung sowie Kosten der Verpackung
  • Verbraucher mit Blick auf Recyclingmöglichkeiten
Wann und wieso haben Sie sich entschieden, Lebensmittel- und to-go-Verpackungen aus regenerativen und recycelten Rohstoffen anzubieten?

Entstanden ist die Idee 2008 durch einen Zufall, als ich einen Fachartikel über Biokunststoffe las. Kunststoffe aus Pflanzen? Das ist für mich noch heute hochinteressant!

Welchen Anteil machen Verpackungen aus recycelten Materialien in Ihrem Sortiment aus? Und was schätzen Sie, wie hoch dieser Anteil in der gesamten Lebensmittelbranche ist?

In unserem Sortiment ist der Anteil von Verpackungen aus recyceltem PET (rPET) mit ca. zwei Prozent relativ gering. Das liegt vor allem daran, dass das Angebot von rPET Verpackungen für den Food-Service-Markt von Seiten der Hersteller noch sehr überschaubar ist. rPET ist ein gefragtes Rohmaterial und die Verarbeitung zu Lebensmittelverpackungen aufwendiger als etwa bei Bekleidungsprodukten. Zwar steigt in Deutschland das Angebot an Lebensmitteln, die in rPET verpackt werden, die Getränkeindustrie wird aber voraussichtlich treibende Kraft bleiben. Nach unserem Wissensstand entwickelt sich die Prozesstechnologie derzeit schneller weiter als dies in der Vergangenheit der Fall war. Konkrete Zahlen liegen uns nicht vor, aber wenn ich schätzen soll, dann würde ich auf etwa zwei bis fünf Prozent tippen.

DAS DERZEIT GEFRAGTESTE NACHWACHSENDE ODER KOMPOSTIERBARE VERPACKUNGSMATERIAL BEI BIONATIC IST …

  • kompostierbare Cellulose in Kombination mit
  • biobasierten, nachhaltigen Beschichtungen
Von Biokunststoff bis zum Palmblatt: Aus wie vielen und welchen Materialien bestehen Ihre Verpackungen?

Wir unterteilen unser Sortiment in vier biobasierte Materialien: Holz, Cellulose, Biokunststoff und Palmblatt.
Was sind die besonderen Eigenschaften Ihrer Verpackungslösungen?

Die besonderen Eigenschaften unserer Verpackungslösungen beziehen sich auf die nachhaltigen Rohstoffe, aus denen diese hergestellt werden. Daher sind viele unserer Verpackungslösungen biologisch abbaubar oder umweltfreundlich in der Verbrennung.

DARAUS BESTEHT …

  • Cellulose: Holz oder Bagasse
  • Bagasse: Restfaser vom Zuckerrohr
  • Biokunststoff: Pflanzenstärke oder Bakterien
Verpackungen und Geschirr aus Palmblättern: Das klingt fast wie eine Zeitreise durch die Geschichte der Verpackung. Inwiefern lassen Sie sich von ursprünglichen, natürlichen Verpackungen inspirieren?

Einige der besten Verpackungen hat die Natur geschaffen. Ich finde, dass Bananen fast perfekt verpackt sind – wenn wir mal von den energieintensiven, kontrollierten Reifungsprozessen auf den langen Transportwegen absehen. Oder nehmen wir Kokosnüsse. Leider können wir aber die Schalen allein noch nicht züchten. In den Regionen, in denen die Palme wächst, werden ihre Blätter schon sehr lange als Verpackungsmaterial sowie für Teller oder Schalen verwendet. Insofern ist es ein Rohstoff, der mit relativ einfachen Methoden weiterverarbeitet werden kann und eine hervorragende Umweltbilanz hat.

Wie wird denn nun aus einem Blatt eine Verpackung?

Aus einem Blatt wird eine Verpackung, indem es zunächst mit Wasser unter Hochdruck gereinigt wird. Dann wird es in einer mechanischen Presse mit Druck und Wärme in eine Form gebracht. Es ist also ein sogenannter Tiefziehvorgang. Danach folgt das Finishing, indem die Kanten geschliffen und die Flächen poliert werden. Und das ist dann auch schon alles.

Sie arbeiten eng mit spezialisierten Lieferanten aus aller Welt zusammen – unter anderem schon sehr lange mit einem Familienbetrieb für Palmblattprodukte aus Indien. Wie haben Sie sich gemeinsam weiterentwickelt?

Aus der anfänglichen Kunden-Lieferanten-Beziehung hat sich in den vergangenen Jahren eine vertrauensvolle Partnerschaft entwickelt und eine enge Zusammenarbeit z. B. bei der Entwicklung neuer Designs ergeben. Darüber hinaus unterstützen wir unseren Partner bei der Produktionsausweitung und -optimierung. Gemeinsam mit einem deutschen Universitätsinstitut haben wir ein Projekt angestoßen, um die Reste aus der Palmblattproduktion für einen Verbundwerkstoff aus Naturfaser und Biokunststoff nutzbar zu machen. Sollte die Entwicklung gelingen, können wir das Material für Spritzgussartikel nutzen, die zu 100 Prozent aus den Resten und nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden.
Seit 2011 arbeitet Bionatic mit einem südindischen Familienbetrieb zusammen, dessen Gründer anfänglich in einer Garage Palmblattprodukte herstellten.
Durch die Kooperation konnte das Partnerunternehmen seine Produktion mittlerweile ausbauen und rund 50 sichere und fair bezahlte Arbeitsplätze schaffen.
Die Palmblattprodukte von Bionatic werden aus den Blättern der Arekapalme hergestellt. Diese alte Kulturpflanze aus Südostasien kann bis zu 25 Meter hoch werden.
Großzügige Spenderin: Etwa vier bis sieben Mal pro Jahr verliert die Arekapalme ihre Blätter, die bis zu zwei Meter lang werden können.
Für die Palmblattprodukte von Bionatic werden die Blattscheiden der Arekapalme verwendet. Aus einer Blattscheide können etwa zwei bis drei Palmblattteller oder -schalen produziert werden.
Während der Trockenzeit in Indien werden die abgefallenen Blätter der Arekapalme gesammelt und entsprechend ihrer Qualität sortiert. Die Blätter, die nicht zur Weiterverarbeitung geeignet sind, werden als Biodünger auf Feldern eingesetzt oder verbrannt.
Die Palmblätter, die zur Weiterverarbeitung geeignet sind, werden gewaschen, gebündelt und getrocknet. Dabei ist es allerdings wichtig, dass sie einen gewissen Anteil an Restfeuchte behalten. Die Blätter der Arekapalme verfügen von Natur aus über wasserabweisende Eigenschaften, sodass bei ihrer Weiterverarbeitung keine künstliche Beschichtung oder Zusatzstoffe eingesetzt werden.
Mit Hilfe hydraulischer Pressen werden die Blätter anschließend unter Hitzeeinwirkung in ihre gewünschte Form gebracht. Danach sind die Palmblattprodukte dank ihrer natürlichen Eigenschaften sehr robust und halten sowohl Wärme als auch Kälte aus.
Bei der Herstellung ihrer Produkte achtet Bionatic darauf, dass diese umweltschonend, mit einem möglichst geringen Energieverbrauch und wenig CO2-Ausstoß, hergestellt werden können.
Gibt es weitere innovative Materialien in der Verpackungsindustrie, die Sie für eine Sortimentserweiterung in Betracht ziehen?

Nach unserem Wissensstand arbeiten einige Hersteller weltweit an der Weiterentwicklung des Biokunststoffes PLA, um dessen Eigenschaften und Verwendungsmöglichkeiten weiter zu verbessern. Sehr spannend sind auch die Entwicklungen von Verbundwerkstoffen aus Fasern und Biokunststoffen (sogenannten Natural Fibre Plastic Compounds – NFPCs) sowie rein bakteriell erzeugten Biokunststoffen. Allerdings sind die Rohstoff- und Materialpreise bisher noch nicht wettbewerbsfähig.

Nachhaltigkeit betrifft nicht nur die eingesetzten Materialien, sondern auch Herstellung und Verarbeitung: Wie achten Sie darauf, dass Ihre Lieferanten Ihre Erwartungen und Vorgaben erfüllen?

Über die Materialien hinaus fordern wir von unseren Lieferanten eine Optimierung des Ressourcenverbrauchs und Einsatzes von umweltfreundlichen Produktionsmitteln. So wird zum Beispiel das Wasser zur Reinigung der Palmblätter gesammelt, gefiltert und wiederverwendet. Der Anteil der durch Frischwasser ersetzt wird, wird zur Bewässerung der Grünzonen am Produktionsstandort eingesetzt. Weiterhin erwarten wir, dass unsere Lieferanten pflanzenbasierte Druckfarben einsetzen, soweit dies im Rahmen der Kundenvorgaben möglich ist.

Werfen Sie doch zum Schluss bitte einen Blick in die Zukunft: Wie wichtig wird der bewusste Umgang mit Ressourcen in der Verpackungsindustrie?

Bereits heute ist der Verpackungsmarkt, gerade für Standardprodukte, ausgesprochen wettbewerbsintensiv. Daher stehen Hersteller und Händler unter konstantem Preis- und Kostendruck. Dies führt dazu, dass viele Produktionsmethoden hocheffizient sind und nur diejenigen am Markt überleben können, die auch die Ressourcen effizient einsetzen. In Bezug auf den erhöhten Einsatz von ressourcenschonenden Rohstoffen, wie recycelten Kunststoffen oder biobasierten Materialien, spielen viele Variablen eine wichtige Rolle. Da wären etwa der erhebliche Einfluss von Seiten der Gesetzgebung in Bezug auf Umwelt-und Klimaschutz oder die mittel- bis langfristige Entwicklung des Preises für Rohöl. Außerdem wird es maßgeblich darauf ankommen, wie sich die Materialeigenschaften, die Marktpreise und Mengenverfügbarkeiten für die mit hohem Potenzial versehenen Biokunststoffe entwickeln. Leider habe aber ich keine Glaskugel.
TIGHTLY PACKED

interpack Newsletter

  • Non-Food - Themen aus den Bereichen Pharma, Kosmetik, Non-Food und Industriegüter
  • Food - Themen aus den Bereichen Nahrungsmittel, Getränke, Backwaren und Süßwaren
Jetzt abonnieren