"DIE REGELMÄSSIGE WIEDERHOLUNG VON SCHULUNGEN ZU GEFAHRGUTVORSCHRIFTEN IST UNERLÄSSLICH"

Olaf Müller und Michael Schuhmacher

Interview Olaf Müller und Michael Schuhmacher

Der Düsseldorfer Airport ist der größte Flughafen Nordrhein-Westfalens und das Tor zur Welt für das bevölkerungsreichste deutsche Bundesland. 22,5 Millionen Fluggäste werden jährlich am Airport gezählt. Die Fluggäste können aus rund 200 Touristik- und Linienflugzielen im Interkontinental- und Europaverkehr sowie innerhalb Deutschlands und rund 70 Airlines wählen. Dementsprechend viel Fracht wird am Flughafen umgeschlagen. 2015 waren es ganze 105.300 Tonnen. Darunter befinden sich regelmäßig auch die sogenannten gefährlichen Güter. Mit Blick auf die zahlreichen Personen, die vom Düsseldorf Airport täglich in alle Welt reisen oder sich in dessen Einzugsgebiet befinden, ist der kompetente Umgang mit gefährlichen Gütern essentiell. Und hier kommt die Verpackung ins Spiel: Einheitliche Labels und Kennzeichnungen auf den Verpackungen sorgen dafür, dass jeder in der Lieferkette weiß, wie die jeweiligen Gefahrgüter gehandhabt werden müssen. Festgelegt sind die Vorschriften für den Lufttransport gefährlicher Güter in einem umfangreichen Regelwerk der International Air Transport Association (IATA) , dem wichtigsten, weltweiten Zusammenschluss von Fluggesellschaften. Die „Dangerous Goods Regulations“ der IATA erläutern die Klassifizierungen von Gefahrgut und seine Beförderungsbedingungen sowohl für das Gepäck als auch für die Fracht.

Mit diesen Richtlinien kennen sich Olaf Müller und Michael Schuhmacher bestens aus – sie sind die Gefahrgutbeauftragten des Düsseldorfer Airports und führen jährlich zahlreiche Seminare durch.
Grafik: Gefahrgut-Transporte
In diesen Schulungen lernt das Personal, welches an der Transportkette im Luftverkehr mitwirkt, die korrekte Handhabung von Gefahrgut – ob Ramp Agent, Versender oder Klassifizierer.
Wir haben mit den beiden über die unterschiedlichen Regelungen auf den verschiedenen Verkehrsträgern gesprochen und erfahren, wie diese die Sicherheit auf Gefahrguttransporten gewährleisten.
Infografik - Gefahrgüter Transport
1. Lieber Herr Müller, lieber Herr Schuhmacher, bei gefährlichen Gütern schützen die Verpackungen nicht in erster Linie ihren Inhalt, sondern insbesondere Leben und Gesundheit von Menschen und Tieren sowie die Umwelt. Deshalb lautet ein wichtiger Grundsatz, dass die Gefahrgutumschließung umso sicherer sein muss, je gefährlicher der jeweilige Inhalt ist. Was bedeutet das konkret?
Das bedeutet, dass bei verpackt transportierten Gefahrgütern das Risikopotenzial verringert wird – falls möglich. Dazu müssen die Mengen pro Versandstück reduziert werden.

2. Inwiefern beeinflussen Art, Beschaffenheit und Risikopotenzial von gefährlichen Stoffen die Wahl des Verpackungsmaterials? Welche Verpackung wird gegen welche Gefahr eingesetzt?
Einige Gefahrenklassen werden abhängig von ihrer Gefährlichkeit zusätzlich in Verpackungsgruppen I (große Gefahr), II (mittlere Gefahr) oder III (geringe Gefahr) eingestuft. Dementsprechend muss eine UN-geprüfte Verpackung (Außen- oder Einzelverpackung) benutzt werden, die mindestens der jeweiligen Verpackungsgruppe entspricht. Andere Gefahrgüter, wie die Gase der Gefahrenklasse 2, werden in Druckbehältern transportiert, die eine Druckbehälterprüfung bestehen müssen, bevor diese zum Transport eingesetzt werden dürfen.

3. Der weltweite Handel mit gefährlichen Gütern hat bereits einen großen Umfang erreicht und nimmt ständig zu. Deshalb müssen im Umgang mit ihnen internationale Regelwerke beachtet werden. Sind diese weitestgehend einheitlich gestaltet oder gelten einige Vorschriften nur für bestimmte Gebiete?
Nicht alle Gefahrgutvorschriften sind weltweit harmonisiert. Abhängig von dem jeweiligen Verkehrsträger – also Straße, Schiene, See, Binnenschiff oder Luftverkehr – gibt es Unterschiede und Einschränkungen. Der Luftverkehr hat dabei die restriktivsten und sensibelsten Gefahrgutvorschriften. Gerade hier gibt es daher Abweichungen von Ländern und Luftverkehrsgesellschaften, die wesentlich strenger sind als die weltweit gültigen Gefahrgutvorschriften für den Luftverkehr.

4. Die Regelungen werden unter Berücksichtigung von Erkenntnissen in Wissenschaft und Technik laufend überprüft und weiterentwickelt. Wie schnell ändern diese sich?
Die Gefahrgutvorschriften für jeden Verkehrsträger werden alle zwei Jahre zu den ungeraden Jahreszahlen neu veröffentlicht. Darin sind die aktuellen Änderungen und Neuerungen eingearbeitet. Oft eilt die Entwicklung von neuen gefährlichen Stoffen und Gegenständen den Vorschriften aber voraus. Abhängig vom jeweiligen Verkehrsträger gelten unterschiedliche Übergangsfristen. Im Luftverkehr gibt es nur selten Übergangsfristen. Was bedeutet, dass im Luftverkehr die neuen Vorschriften immer ab dem 1. Januar eines Jahres einzuhalten sind.

5. Die Regelungen greifen nicht erst während des Transports, sondern bereits im Vorfeld, wenn die Verpackungen geprüft werden müssen. Wie laufen diese Kontrollen ab und was genau wird getestet?
Es gibt in den Gefahrgutvorschriften genaue Angaben, wie eine Verpackung zu testen ist. Dazu zählen u. a. Fallprüfungen, Stapeldruckprüfungen, Dichtheitsprüfungen oder hydraulische Innendruckprüfungen. UN-geprüfte Verpackungen dürfen nur von offiziellen Prüfinstitutionen geprüft werden und müssen durch einen Prüfbericht belegt sein. In Deutschland wird dazu oft die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (LINK: https://www.bam.de/Navigation/DE/Home/home.html) als Prüfstelle konsultiert. Bei bestandener Prüfung wird zudem ein Zulassungsschein vom Prüfinstitut erstellt.

6. Da der Flughafen Düsseldorf ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt ist, über den tägliche viele Gefahrgüter befördert werden, schulen Sie Ihre Kollegen im sicheren Umgang mit gefährlichen Stoffen bzw. ihren Verpackungen. Wie kommt es, dass Sie auch für andere Personenkreise entsprechende Seminare anbieten und wer genau besucht diese?
Bevor eine Sendung gefährlicher Güter zur Beförderung im Luftverkehr genehmigt wird, müssen alle zuständigen Personen, die bei der Vorbereitung beteiligt sind, eine Schulung erhalten. Darunter fallen u. a. Versender, Verpacker, Spediteur, Luftfahrtunternehmen sowie Bodenabfertigungsdienstleister. Die Schulung schließt grundsätzlich mit einer Abschlussprüfung ab und muss innerhalb von 24 Monaten wiederholt werden, um die Kenntnisse auf dem neuesten Stand zu halten. Der Flughafen Düsseldorf bietet für jede der insgesamt zwölf Personalkategorien eine entsprechende Schulung als Schulungsveranstalter an und das bereits seit über 20 Jahren. Aber auch Schulungen für den Gefahrguttransport auf der Straße oder im Seeverkehr sowie Luftsicherheit gehören zu unserem Schulungsangebot.

7. Wieso ist es notwendig und vorgeschrieben, dass internes und externes Personal von Anfang an gut vorbereitet ist und diese Schulungen regelmäßig wiederholt?
Aus den Gefahrgutvorschriften der jeweiligen Verkehrsträger ergibt sich die entsprechende Schulungsverpflichtung. Eine regelmäßige Wiederholung ist zur Sensibilisierung der Mitarbeiter unerlässlich. Ansonsten werden den Mitarbeitern die Neuerungen und Änderungen nur selten zugänglich oder bekannt gemacht. Wer nicht ständig mit den Gefahrgutvorschriften arbeitet, vergisst erfahrungsgemäß schnell einiges.

8. Die Verpackung muss innerhalb der gesamten Transportkette Schutz vor den gefährlichen Gütern bieten, aber auch wenn der Empfänger sie öffnet. Wie genau kann die Verpackung hierbei Sicherheit bieten?
Die Innen- oder Einzelverpackungen müssen ordnungsgemäß verschlossen sein und Hinweise für den sicheren Umgang gemäß der Gefahrstoffverordnung tragen.

9. Wie wichtig ist es dafür, dass durch die Kennzeichnungen auf den Verpackungen auf einen Blick zu erkennen ist, welche Gefahr besteht?
Die Gefahrgutkennzeichen müssen auf jedem Versandstück angebracht werden, um anzuzeigen, welches Gefahrgut sich in jedem Versandstück befindet. Nur dadurch können Transport-, Lagerungs- und Trennvorschriften eingehalten werden. Auch für Einsatzkräfte wie Feuerwehr oder Polizei sind diese Kennzeichen sehr wichtig.

10. Wie unterscheidet sich die Beförderung von Gefahrgütern im Bahn-, Luft- oder Straßenverkehr? Gelten andere Kennzeichnungspflichten? Wenn ja: inwiefern und wieso?
Die Gefahrgutvorschriften der jeweiligen Verkehrsträger wurden in vielen Fällen harmonisiert. Abhängig vom Verkehrsträger können unterschiedliche Mengenwerte pro Versandstück transportiert werden und nicht jeder Stoff ist bei jedem Verkehrsträger erlaubt. Beim Transport von Gefahrgut im Luftverkehr gibt es Unterschiede in der Markierung und Kennzeichnungspflicht. Auch was die Position der Kennzeichnung angeht, gibt es einige Unterschiede. Im Luftverkehr wird verlangt, dass möglichst alle Informationen auf einer Seite des Versandstücks angebracht werden.

11. Von Sprengstoff bis hin zu radioaktiven Stoffen: Wieso dürfen bestimmte Stoffe nur auf vorgeschriebenen Wegen transportiert werden bzw. unterliegen strengeren Mengenbegrenzungen und höheren technischen Anforderungen, wenn sie z. B. per Flugzeug transportiert werden?
Auf der Straße gelten für bestimmte Stoffe Fahrwegbestimmungen und Tunnelcodes. Im Luftverkehr hingegen müssen Abweichungen von Ländern oder Luftfahrtunternehmen berücksichtigt werden. Des Weiteren müssen die Verpackungen den besonderen Transportbedingungen im Luftverkehr gerecht werden. Dazu gehören große Temperaturunterschiede, Druckunterschiede am Boden und in der Luft oder Vibrationen.
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