Anne Geissler: "Gutes Verpackungsdesign ist auch immer barrierefrei."

Interview mit Anne Geissler

Anne Geißler schloss 2012 ihr Studium Druck- und Verpackungstechnik an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig mit Diplom ab.

Der Titel ihrer Diplomarbeit: Erarbeitung einer Systematik zu Prüfverfahren und Richtwerten für verbraucherfreundliche Verpackungen unter Berücksichtigung verschiedener Öffnungsprinzipien. Seit Mai 2015 arbeitet sie in der Abteilung Release Incoming Goods bei IDT Biologika GmbH in Dessau-Roslau. Das Unternehmen verkauft biotechnologisch hergestellte Impfstoffe und Pharmazeutika für den weltweiten Markt.

Das interpack Magazin sprach mit Anne Geissler über ihre Forschung zur Konzeption barrierefreier Verpackungen.
Schwierigkeiten beim Öffnen bereiten vor allem Verpackungen mit Schraubverschluss, Konservendosen ohne Aufreißdeckel und flache Kunststoffschalen – etwa für Wurst oder Käse.@ miket / fotolia.com

Schwierigkeiten beim Öffnen bereiten vor allem Verpackungen mit Schraubverschluss, Konservendosen ohne Aufreißdeckel und flache Kunststoffschalen – etwa für Wurst oder Käse.@ miket / fotolia.com

Wir kennen das alle. Die Verpackung – von der Käsepackung bis hin zur Raviolidose – lässt sich einfach nicht öffnen. Mal braucht man zusätzliches Werkzeug, mal schneidet man sich auch noch an scharfen Plastikenden in den Finger. Warum muten Hersteller ihren Käufern so etwas zu?

Ich vermute, dass viele Hersteller nicht wissen, wie eine konkrete Umsetzung barrierefreier Verpackungen aussehen kann. Vielleicht fürchten sie anfallende Kosten bei der Entwicklung neuer Verpackungen oder bei der Umstellung auf andere Verpackungen.

Welche Art der Verpackung bereitet älteren Menschen die größten Probleme?

Die größten Probleme bereiten Verpackungen mit Schraubverschluss, Konservendosen ohne Öffnungshilfen und flache Kunststoffschalen – wie sie als Verpackung für Wurst- und Käsescheiben eingesetzt werden.

Zur Barrierefreiheit einer Verpackung gehört auch die einwandfreie Lesbarkeit von abgedruckten Informationen. © Foto-Ruhrgebiet / fotolia.com

Zur Barrierefreiheit einer Verpackung gehört auch die einwandfreie Lesbarkeit von abgedruckten Informationen. © Foto-Ruhrgebiet / fotolia.com

Können Produzenten die demografische Entwicklung ignorieren?

Das ist schwer zu beantworten. Wahrscheinlich müssen sich die Unternehmen den demografischen Entwicklungen anpassen, um keine Umsatzeinbußen zu haben. Schließlich resultiert ein guter Umsatz aus zufriedenen Kunden. Zukünftig wird es immer mehr Kunden geben, die Produkte und Verpackungen erwarten, die ihnen keine Steine in den Weg legen. Im Wettbewerb hat dann der Anbieter mit den kundenfreundlicheren Verpackungen die Nase vorn.

Sind barrierefreie Verpackungen teurer?

Nicht unbedingt. Auch mit einfachen Mitteln können Verbesserungen in der Verpackungsgestaltung erreicht werden. Oft führen schon grafische Veränderungen wie größere Schrift oder bessere Farbgebung zum Abbau von Barrieren.


Leidet das Verpackungsdesign unter der Barrierefreiheit?

Überhaupt nicht. Gutes Verpackungsdesign ist – meiner Ansicht nach – auch immer barrierefrei.

Wie sieht eine perfekte barrierefreie Verpackung aus? Was muss sie leisten?

Eine barrierefreie Verpackung zeichnet sich durch übersichtliche und einheitliche Gestaltung aus. Alle abgedruckten Informationen sind gut lesbar und leicht verständlich. Wichtige Informationen, wie beispielsweise enthaltene Allergene, sind hervorgehoben und schnell zu finden. Außerdem lässt sich die Verpackung problemlos öffnen – das Öffnungsprinzip ist intuitiv verständlich.

Preisträger SilverPack Award 2014: Leerdammer bietet eine kundenfreundliche Lösung für das Öffnen und Wiederverschliessen. © SilverPack

Preisträger SilverPack Award 2014: Leerdammer bietet eine kundenfreundliche Lösung für das Öffnen und Wiederverschliessen. © SilverPack

Gibt es Beispiele für gelungene barrierefreie Verpackungen, die den Bedürfnissen von Händlern und Verbrauchern gerecht werden?


Ja, beispielsweise das sogenannte „FreshPack“ von Leerdammer. Diese Verpackung wurde im Jahr 2014 mit der Auszeichnung „Höfliche Verpackung“ gewürdigt. Sie ist wiederverschließbar und leicht zu öffnen. Die Öffnungsecke ist gut sichtbar in Rot und Grün gestaltet und kommuniziert die Funktionen Öffnen und Schließen perfekt. Außerdem ist die Aufreißlasche leicht zu greifen, bieten den Fingern genügend Platz und ermöglicht eine optimale Kraftübertragung. Die sehr gute Stabilität der Verpackung sorgt dafür, dass die Verpackung beim Öffnen nicht kaputt geht und sich vollständig wiederverschließen lässt.

 

In welcher Verpackungsgruppe liegt Ihr Forschungsschwerpunkt?

Ich untersuche vor allem Verpackungen für Lebensmittel, Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmittel. Also Verpackungen für Produkte des täglichen Bedarfs. Nicht betrachtet werden Verpackungen für Medikamente – diese stellen noch weitere Anforderungen an die Gestaltung: sie müssen kindersicher und trotzdem leicht zu öffnen sein. Auch sehr spannend – hier gibt es viel Potenzial für ein weiteres interessantes Forschungsprojekt.

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